Algorithmen gegen Rezo

In der c’t 13, bzw auf ‘heise.de’ wurde ein Kommentar mit der Überschrift ‘Facebook & Co. brauchen eine öffentlich-rechtliche Organisation’ veröffentlicht.

Im Kommentar leitet der Autor aufgrund Rezos enormer Wirkung in der Öffentlichkeit ab, dass wir eine Änderung in der Bewertung von Beiträgen durch Algorithmen benötigen.

Da ich persönlich Rezos Beitrag ziemlich gut fand, erstaunt es mich, dass sein Beitrag zu einem solchen Ansinnen führt. Eher hätte ich den Vorschlag des Autors VOR Rezos Beitrag sinnvoll gefunden. Rezo hat doch gerade gezeigt, dass es möglich ist, auch für ein ehrbares Anliegen Aufmerksamkeit zu erreichen.

Vielleicht liegt der Grund für Rezos Erfolg auch schlicht darin, dass die schon jetzt vorhandenen Algorithmen besser arbeiten, als es sich der Autor vorstellen mag. Denn ich halte Googles Algorithmen durchaus dazu in der Lage, leeres Geschwätz von gehaltvollem Text zu unterscheiden.

Meiner Meinung nach hat Rezos Erfolg aber mit den aktuellen Algorithmen wenig zu tun, ich denke eher, dass er einfach den Nerv einer großen Masse von Menschen getroffen hat, die bewusst oder unbewusst im Laufe der Jahre gemerkt haben, dass sie von vielen Politikern nur noch mehr oder weniger rhetorisch geschickt mit leeren Worthülsen abgefertigt werden. Unsere Politiker haben gelernt, dass sich mit Show mehr als mit Argumenten erreichen lässt und sich damit ihr eigenes Grab geschaufelt. Das ist es, was Rezo vermutlich mit ‘Die Zerstörung der CDU’ gemeint hat. Rezo hat keine Show gemacht. Er hat die Sprache der Jugend bzw. des Netzes verwendet, um zu argumentieren! Es waren keine Algorithmen, die Rezo nach oben gebracht haben, sondern schlicht sein Beitrag selbst. Ich denke nicht, dass man irgendetwas machen sollte, um die Sichtbarkeit von Beiträgen, wie den von Rezo, in irgendeiner Weise beeinflussen zu können.

Der Autor leitet seinen Vorschlag aus den für den öffentlichen Rundfunk geltenden Mechanismen ab. Dabei zeigt er auf, wie im Nationalsozialismus der Rundfunk dafür missbraucht wurde, die Meinung von Bevölkerungsgruppen gezielt zu beeinflussen. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde darum der öffentlich-rechtliche Rundfunk dezentral von den Landesmedienanstalten gesteuert. Der Autor vergleicht den Rundfunk mit dem Internet und möchte auf dieses eine ähnliche menschliche Kontrolle ausüben! Das finde ich völlig falsch!

Schon das physikalische Prinzip des Rundfunks ist ein völlig anderes, als es uns mit dem auf einem Netzwerk basierenden Internet heutzutage zur Verfügung steht. Damals wurden die Bürger tatsächlich zentral von Antennenmasten mit Wellen bestrahlt. Heute kann sich jeder völlig frei die Informationen aus dem Internet picken, die ihn persönlich interessieren.

Viel entscheidender ist aber, dass, zumindest bei uns und zur Zeit noch, jeder Mensch selbst ‘Rundfunk’ betreiben kann! Jeder kann selbst etwas veröffentlichen und damit argumentativ gegen Unwahrheiten, Halbwissen und Schwachsinn vorgehen. Das ist ein sehr hohes Gut und darf auf keinen Fall verändert werden.

Was auch immer der Autor für einen Mechanismus in den Algorithmen implantieren möchte, er will dass dies von irgendwelchen menschlichen Gremien gesteuert wird und würde damit eine weitere Schlüsselstelle installieren, die zur Zensur missbraucht werden kann.

Selbst wenn eine derartige Maßnahme etabliert und auch funktionieren würde, so stellt sich die Frage, was dadurch erreicht wird? Die dann ganz oben erscheinenden Beiträge würden eine große Masse an Menschen gar nicht mehr interessieren!

Wir müssen akzeptieren, dass eine breite Masse halt nichts Intelligentes sehen möchte. Die, bei denen das anders ist, sollten in der Lage sein, die für sie wichtigen Informationen gezielt zu finden! Und noch viel besser, die vermeintlich ‘bösen’ Algorithmen sorgen ja schon jetzt dafür, dass sie, zumindest in meinem Fall, mir Dinge zeigen, die mich interessieren! Das ist doch eigentlich eine gute Sache. Schwachsinn bekommen nur die angezeigt, die ihn offensichtlich sehen wollen. 🙂 Ich muss jetzt nur lernen, dass ich mich in den vielen interessanten Dingen nicht verliere.

Der Kommentar macht auf mich den Eindruck, als ob er Annegret Kramp-Karrenbauer mit ihrer Idee ‘Die Regulierung von Meinungsäußerungen vor Wahlen’ unterstützen möchte.

Lasst das Internet in Ruhe! Es ist ein Spiegel der Gesellschaft. Wenn Ihr möchtet, dass dort andere Dinge zu finden sind, als dass das zur Zeit der Fall ist, dann ändert die Gesellschaft!