Mobiler Lötkolben TS80

Autark sein

Als Durchschnittsmensch lebe ich in einem Haus, welches ganz normal an die modernen Errungenschaften dieses Staates angeschlossen ist. Also an Wasser wie auch Abwasser, Telefon bzw. Internet und an den üblichen Haushaltsstrom. Letzterer ist ganz selbstverständlich vorhanden und ich merke seine Anwesenheit bewusst eigentlich nur beim gelegentlichen Blick auf die Stromrechnung. Aber immer, wenn ich mich wieder einmal einem Endzeitfilm hingegeben haben (Mad Max und Waterworld lassen grüßen) überfällt mich der Gedanke, was wäre, wenn es einmal einen Stromausfall gäbe? Was würde dann in unserem Haus noch funktionieren? Da wir leider bis jetzt noch keine Solaranlage haben, wäre das vermutlich nicht mehr viel. Aber nehmen wir einmal an, ich hätte einen kleinen 100 Watt Solarkollektor irgendwo auf einem Dach oder einer Wand montiert und mit einem Akku und einem Wechselrichter verbunden. Was ginge dann noch?

Herd, Waschmaschine und Fön werden sich unter solchen Bedingungen nicht so einfach verwenden lassen. Im Winter müsste wenigstens die Ölheizung noch laufen. Aber die hat auch elektrische bzw. elektronische Bestandteile, die konstant mit Strom versorgt werden müssen. Auch ob mein Desktop-Computer samt Monitor dann noch sinnvoll zu verwenden ist, ist fraglich. Aber der eine oder andere Ultrabook oder mein GPD Pocket sollten dann doch noch zu verwenden sein. Was ist mit der Beleuchtung abends? Über längere Zeit gesehen, müssten dann wenigstens die Akkus der Taschenlampen aufgeladen werden.

Da ich viele Geräte besitze, die sich theoretisch alle irgendwie mit 5 Volt von einem USB-Anschluss versorgen lassen, sollte da doch einiges gehen. Notfalls baue ich mir irgendetwas zusammen, ein paar DC-DC Wandler und Kabel liegen hier herum und ich muss sie nur irgendwie verbinden. Einfach zusammen löten. Stopp! Löten? Aber mit was?

Mobile Lötkolben

Mein Lötkolben von der Firma Ersa ist ziemlich alt, benötigt 35 Watt und einen 220 Volt Anschluss zum Betrieb. Wenn der Hausstrom ausgefallen ist und ich erst etwas Basteln muss, um überhaupt Strom zu bekommen, wird das leider nicht funktionieren. Mit einem hier herum liegenden Solarpanel könnte ich versuchen eine Powerbank aufzuladen, aber die liefert nur 5 Volt und maximal 10 Watt. Das reicht nicht.

Derart Überlegungen brachten mich dazu im Internet nach einem mobilen Lötkolben zu suchen. In einem ersten Schritt führte dies zu Gaslötkolben, von denen ich zwar irgendwann schon einmal etwas gehört hatte, aber die völlig aus meinem Fokus geraten waren:

Konkret zum Beispiel dieser von Dremel:

Eigentlich gar nicht dumm so ein Gaslötkolben, andererseits aber eine zusätzliche Energieform, mit deren Umgang ich mich erst einmal anfreunden muss und der nicht ungefährliche Einsatz von Feuer. Darum suchte ich weiter und entdeckte günstige Batterielötkolben:

Weller BP865CEU

Es gibt sogar welche für nur 8 Euro:

Ich wollte aber auf keinen Fall ein Batterie-Set nach dem anderen beim Löten verheizen. Der Lötkolben sollte wenigstens mit Akkus laufen. Vielleicht funktioniert das sogar mit den eigentlich als Batterielötkolben bezeichneten Geräten. Oft sogar besser als mit Batterien, da die meisten Akkus in der Lage sind einen höheren Strom abzugeben. Da ich aber keinen von diesen Lötkolben zum Testen habe, suchte ich weiter und stieß auf einen, der mit USB laufen sollte:

USB Lötkolben 8W

8 Watt ist aber nicht sonderlich viel und es ist fraglich, ob dieser Lötkolben schnell genug Hitze erzeugen kann, damit ein Lötpad auf eine zum Lötzinn schmelzende Temperatur kommt. Immerhin, es gibt offensichtlich Lötkolben auf USB-Basis! Ich recherchierte weiter und fand den TS100 von der Firma Guangzhou e-Design Intelligent Technology Co., Ltd.

Ein Lötkolben von einer chinesischen Firma und so teuer? Das machte mich neugierig und bei der weiteren Suche nach Informationen fand ich einen bemerkenswerten Eintrag im Taschenlampen-Forum.

Teuer aus China?

Laut der Aussage von ‘The_Driver’ scheint der TS100 nicht nur die Möglichkeit zur Mobilität zu geben, sondern auch im Vergleich zu stationären Lötkolben ein wirklich gutes Gerät zu sein. Leider ist er kein USB-Lötkolben, sondern benötigt mindestens 9 Volt Gleichspannung. Für viele Modellbauer scheint das aber Ok zu sein. Sie verfügen meist über 4S/5S Li-Po Modellbauakkus, mit denen sich der TS100 verbinden und dann problemlos verwenden lässt.

Ich war kurz davor ihn mir, samt einem passenden Akku, zu bestellen. Da viel mir glücklicherweise ein, dass ich dann ja auch noch ein passendes Ladegerät dazu benötige und ich merkte, dass, zu mindestens für mich, der Aufwand für diesen Lötkolben viel zu groß wird. Schade, denn die vielen Vorteile des TS100 hatten mich überzeugt.

Ich wollte das Projekt ‘Mobiler Lötkolben’ schon aufgeben, da tauchte in den Ergebnislisten der Suchmaschinen plötzlich ein TS80 genannter Lötkolben auf.

Dies ist der Nachfolger des TS100. Er hat eine USB-C Buchse und ist, im Gegensatz zum TS100, noch etwas kleiner und aus Aluminium, was ihn in meinen Augen noch interessanter macht. Nachdem ich bisher mit einem uralten Ersa Lötkolben mit 220 Volt Anschluss gearbeitet habe, extrem klein. Sein Durchmesser ist etwas geringer als der Durchmesser eines Markers von Edding! Trotzdem besitzt er eine eingebaute OLED-Anzeige, die die Temperatur anzeigt und zur Konfiguration verwendet werden kann. Zur Steuerung verwendet er einen STM32 Microcontroller.

Der ultimative Lötkolben?

Das ist aber nicht notwendig, denn die auf dem Lötkolben befindliche Firmware kann eigentlich alles, was ich mir vorstelle und das ist im Falle eines Lötkolbens nicht sehr viel: Schnell auf die gewünschte Temperatur kommen und die Temperatur möglichst genau halten, egal wie viel Temperaturabfluss an der Lötstelle existiert. Da im Lötkolben auch ein Bewegungssensor verbaut ist, kann der Lötkolben erkennen, ob er eine bestimmte Zeit lang abgelegt wurde und falls ja, die Temperatur automatisch auf eine Standby-Temperatur herunter regeln. Sobald der Lötkolben wieder bewegt wird, heizt er die Lötspitze wieder auf die eingestellte Temperatur auf. Alle Werte lassen sich direkt über 2 Tasten am Lötkolben konfigurieren.

Leider bedeutet die USB-C Buchse nicht, dass der TS80 mit einer üblichen Powerbank betrieben werden kann. Verbindet man den TS80 über das mitgelieferte USB-Kabel mit einer Powerbank, so leuchtet zwar das Display auf, aber sobald man den Heizvorgang starten möchte, erscheint auf dem Display die Meldung ‘Low-Vot’. Die Spannung ist zu niedrig. Auch der TS80 benötigt mindestens 9 Volt zum Betrieb und die kommen aus einer üblichen Powerbank nicht heraus.

Der TS80 wird mit einem passenden Netzteil geliefert. Es unterstützt den Quick Charge Standard, über den ich in meinem Artikel Powerbank Nachschlag Soshine E3S QC schon etwas geschrieben habe. Es kann:

  • 6 – 6.5 Volt und 3 Ampere

  • 6.5 – 9 Volt und 2 Ampere

  • 9 – 12 Volt und 1.5 Ampere

Der mittlere Bereich passt ideal zum TS80. Mit 9 Volt und 2 Ampere erreicht man die zu seinem Betrieb nötigen 18 Watt. Damit funktioniert der TS80 schon einmal prima! Aber meinem zu Beginn dieses Artikels definiertem Ziel einen mobilen Lötkolben zu besitzen, bin ich scheinbar nicht näher gekommen?

Doch! Denn meine oben schon erwähnte Soshine E3S Powerbank besitzt auch die Quick Charge Fähigkeit! Stecke ich das USB-Kabel in den QC-Ausgang der E3S und betätige den Einschalt-Taster, lässt sich der TS80 einwandfrei verwenden!

Mission accommplished!

Mittlerweile konnte ich den TS80 schon öfters ausprobieren und er hat sich zusammen mit der E3S QC als sehr praktisches Werkzeug erwiesen. Letztens haben wir neue Lautsprecherboxen bekommen und ich wollte sie schnell mit den schon bei den alten Boxen verwendeten Kabeln verbinden. Die neuen Boxen haben Buchsen für Bananenstecker, die auch ein Loch für verdrillte Litze beinhalten. Da die alten Lautsprecher defekt waren, habe ich einfach die zweiadrigen Kabel abgeschnitten, in der Mitte ein paar Zentimeter aufgetrennt, die einzelnen Adern etwa 5 mm mit einem Seitenschneider abisoliert, verdrillt und mit dem TS80 verzinnt. So konnte ich sie in die Löcher der Buchsen stecken und mit den Buchsen festziehen. Mit der E3S QC konnte ich direkt vor den Boxen arbeiten und benötigte kein 220 Volt Verlängerungskabel. Insgesamt eine Sache von ein paar Minuten.

Alternative Firmware

Doch das der Lötkolben nicht mit einer normalen USB Powerbank zu gebrauchen war nagte an mir. Ich hatte irgendwo im Internet von einer alternativen Firmware für den TS80 gelesen:

Man findet sie auf GitHub: https://github.com/Ralim/ts100/releases

Und hier gibt es sogar Support dazu.

Ich habe sie ausprobiert. Das Flashen ist sehr einfach: Einfach beim Einstecken des USB-Kabels des TS80 die zur Lötspitze gerichtete Taste gedrückt halten. Auf der Anzeige des TS80 erscheint ‘DFU:3.45’ und im Windows Datei-Explorer ein Laufwerk mit der Bezeichnung ‘BFD788FA’. Dort hinein kopiert man eine der bei GitHub gelisteten Dateien, zum Beispiel ‘TS80_DE.hex’. Der Lötkolben wird daraufhin automatisch vom Computer getrennt, die Datei wird sofort als neue Firmware geflasht und anschließend wird der Lötkolben wieder mit dem Rechner verbunden. Wenn dann eine Datei mit der Bezeichnung ‘TS80_DE.RDY’ im Wurzelverzeichnis der Datei erscheint, hat alles geklappt.

Wird der Lötkolben jetzt vom Computer abgezogen und mit einer konventionellen Powerbank verbunden, heizt er tatsächlich auf! Das dauert aber so lange, dass, wenn man ihn nicht bewegt, die automatische Abschaltung aktiv wird. Der Lötkolben muss darum in der Aufheizphase immer einmal wieder bewegt werden oder die Zeit bis zum automatischen Abschalten muss deutlich verlängert werden (etwa 3 min). Ich habe mit dieser Firmware noch nichts gelötet, aber probiert, ob sich mein Lötzinn damit schmelzen lässt. Das hat geklappt. Vermutlich kann man mit der alternativen Firmware tatsächlich behelfsmäßig löten. Nicht schlecht!

Alles gut?

Nicht ganz. Denn wenn der Lötkolben aufgrund Inaktivität auf die Standby-Temperatur zurück geht, zieht er so wenig Strom, dass die Powerbank denkt, ‘das lohnt sich jetzt nicht mehr wirklich’ und einfach abschaltet. Was bedeutet, dass der Lötkolben aus ist, weiter abkühlt und beim nächsten Aktivieren viel länger benötigt, bis er wieder auf Löttemperatur ist. Noch dazu muss man jetzt vorher auch noch die Powerbank wieder einschalten. In diesem Punkt ist die von mir so geschätzte Soshine E3S leider etwas mimosenhaft. Vermutlich lässt sich diese Problematik durch den Einsatz einer anderen Powerbank mit Quick Charge lösen.

Die aktuellste Original-Firmware kann hier gefunden werden.

Beim Vergleich der Original- mit der alternativen Firmware ist mir noch aufgefallen, dass die Regelung der originalen Steuerung möglicherweise besser ist. Denn wenn die von den beiden Firmwares angezeigten Temperaturwerte korrekt sind, kann man beim Aufheizen sehen, wie die Original-Firmware viel weniger um den gewünschten Temperaturwert herum eiert. Sie erreicht den Wert schnell und sicher und hält ihn anschließend exakt, während die alternative Firmware immer ein wenig um den Wert herum schwankt und auch nach Erreichen der Zieltemperatur, immer mal wieder für einen Moment eine Abweichung zeigt. Ich denke aber nicht, dass das wirklich ein Problem ist.