AMD verschob Strix Halo vom großen AI-Heilsbringer Richtung Gaming-APU. Getestet wurde der Ryzen AI Max+ 395 in einem Mini-PC, dessen LAN-Probleme zwar nervten, aber die APU-Leistung nicht verfälschten. Kernthemen: neuartiges InFO_oS-Packaging mit zwei Zen‑5-CCDs am großen IOD, 40 RDNA‑3.5‑CUs, 256‑Bit‑LPDDR5X, 50‑TOPS‑NPU, TDP-Skalierung von 55 bis 176 Watt (realistisch 85–120) und die Frage, ob die Gaming-Fokussierung trägt – gerade unter thermischen und Speicher-Kostenrestriktionen.
Zara: Der AI-Marketinghut passt hier nur bedingt. Die 50 TOPS der NPU sind nett, aber echte Workloads profitieren primär von GPU+CPU und vor allem viel RAM – und genau der verschwindet, sobald OEMs nur 32 GB verlöten. Dann kippt der vielbeworbene „VRAM“-Vorteil, und Strix Halo wird zur teuren APU ohne Alleinstellungsmerkmal im AI-Bereich. Das wirkt wie ein strategisches Missverständnis.
Kael: Ich sehe das pragmatischer: AMD nennt Halo selbst keine reine AI-Karte, sondern eine moderne APU, die im Verbund glänzt. Mit 96 von 128 GB nutzbarem Speicher für LLMs öffnet sie Workloads, an denen 8–16 GB dGPU-VRAM scheitern – genau das ist ihr Sweet Spot. Und im Gaming ist sie die derzeit schnellste APU; das InFO_oS-Packaging mit kurzem Interconnect und der 256‑Bit‑LPDDR5X-Bus sind echte Differenzierer. Es ist ein Systemchip, kein NPU-Showcase.
Zara: Dann lass uns über Effizienz reden. Bei 55 Watt fällt Halo auf Strix-Point-Niveau zurück – für eine 450‑mm²‑APU schlicht Overkill im falschen TDP-Fenster. In Handhelds oder sehr kleinen Mini-PCs wirkt das wie Form-over-Function: thermische Limits, 90‑Grad‑Deckel, und bei WQHD reichen 40 CUs oft nicht ohne Qualitätsabstriche oder FSR. RDNA 3.5 hat zudem noch kein FSR 4 – unglücklich für die Zielgruppe.
Kael: Stimmt, 55 Watt ist realitätsfern; das Produkt will 85–120 Watt. Genau dort liefert es die beste Effizienz, skaliert sauber bis etwa 100 Watt und bleibt unter 120 Watt spürbar schneller als kompakte dGPUs der Mittelklasse. Für 1080p/1440p mit moderatem FSR ist das stimmig – und durch Shared Memory verpuffen VRAM-Engpässe, an denen etwa eine 8‑GB‑RX 7600 scheitert. Handhelds sind Nische; Mini‑PCs und Notebooks sind die Bühne.
Zara: Trotzdem: Systemaufnahme von rund 200 Watt im Spielbetrieb ist nicht nichts, und im Vergleichssetup mit RX 9060XT gab es ~50 Prozent Mehrverbrauch für ~50 Prozent Mehrleistung. Preislich droht die Falle: riesiges IOD, zwei CCDs, LPDDR5X‑8000 – und die RAM-Preise explodieren. Für viele Käufer ist eine günstige APU plus dGPU-Upgrade später attraktiver als ein teures Komplettpaket.
Kael: Der Gegenwert steckt im Formfaktor und in der Einfachheit. Ein einziges Package, keine dGPU, keine Docking-Frickelei, niedriger Idle, und in Spielen genug Durchsatz ohne VRAM-Sorgen – das zählt im SFF-Segment. Wer maximale FPS pro Euro will, greift zum Desktop – aber wer eine kompakte, leise All‑in‑One‑Box sucht, bekommt mit Halo eine runde Lösung. Das Kostenargument steht, aber es ist eine bewusste Designentscheidung zugunsten Integration.
Zara: Die AI-Sektion im Test zeigt auch ein praktisches Problem: Gerade große AI-Workloads kollidierten mit den LAN-Abstürzen, und unabhängig davon bleibt die NPU für „ernsthafte“ Beschleunigung sekundär. Ohne 64–128 GB RAM verpufft der Vorteil, und im OEM-Alltag wird eher gespart. Softwareseitig fehlt FSR 4 noch, was die Zukunftsfestigkeit im Gaming schmälert.
Kael: Fair, aber die Roadmap deutet ohnehin auf Gaming-fokussierte Varianten hin – volles iGPU-Ausbau, weniger CPU-Kerne. Für Windows-Nutzlasten reichen 50 TOPS, und für lokale LLMs ist die GPU der Arbeitstier. FSR kann per Treiber/SDK kommen, und die Plattform wirkt technisch modern genug, um davon zu profitieren. Entscheidend ist, dass OEMs nicht unter 85 Watt und 64 GB gehen.
Zara: Thermisch bleibt’s heikel: Über 140 Watt bringt kaum mehr Leistung, 176 Watt ist im Mini‑PC Makulatur. Damit ist die Skalierung nach oben faktisch gedeckelt, unten rum performt es schlecht – das nutzbare Fenster ist eng. Wenn OEMs Kühllösungen und TDP nicht sauber treffen, leidet die User Experience.
Kael: Genau deshalb ist der Sweet Spot so wertvoll: 85–100 Watt treffen Leistung und Effizienz, 120 Watt da, wo’s thermisch geht. Innerhalb dieses Korridors schlägt Halo vergleichbare Komplettsysteme und bleibt kompakt. Mit ordentlicher Kühlung und 64–128 GB macht das Spaß – und die zweite Welle an Mini‑PCs zeigt, dass der Markt es testet.
Zara: Bleibt die Frage nach Zukunft und Preis. Große OEMs halten sich zurück, Speicher wird teurer, und ohne flächige Designs könnte die Plattform Nischenprodukt bleiben. Gaming ja, aber nur, wenn die Konfigurationen klug gewählt sind und der Preis nicht entgleist.
Kael: Wenn AMD und Partner konsequent 85–120 Watt, solide Kühler und ausreichend RAM liefern, hat Halo im SFF‑Gaming eine klare Daseinsberechtigung. Als „AI‑PC“ taugt er vor allem wegen des Speichers, nicht wegen der NPU – das sollte man ehrlich kommunizieren. Technisch ist es die modernste APU im Markt, und genau so sollte man sie positionieren.
Fazit: Strix Halo überzeugt als leistungsstarke, moderne APU mit klarem Sweet Spot zwischen 85 und 120 Watt, starkem integrierten Grafikteil und praktischem Shared‑Memory‑Vorteil. Die AI-Erzählung trägt nur mit viel RAM; die 50‑TOPS‑NPU ist Beiwerk. Risiken liegen in Thermik, engen TDP‑Fenstern, fehlendem FSR 4, hohen Speicherpreisen und OEM‑Konfigurationen mit zu wenig RAM oder zu niedriger TDP. Gelingt die Ausbalancierung, funktioniert der Gaming‑Pivot – als kompakte All‑in‑One‑Lösung mit guter Effizienz. Misslingt sie, bleibt eine teure APU, die bei 55 Watt unter Wert läuft und bei >140 Watt nur noch warm wird.



